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Anna Davtyan – Versandgut

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Im Jahr 2000 reisten über hundert AutorInnen aus 43 europäischen Ländern sechs Wochen lang über den Kontinent – eine Arbeits- und Lesereise quer durch Europa. DichterInnen aus diesem Projekt sind nun zwanzig Jahre später eingeladen, eine essayistisch-poetische Neubearbeitung ihrer Sicht auf Europa zu verfassen, ergänzt um Stimmen aus der jüngeren DichterInnengeneration. In vielen dieser Texte wird der Mythos vom „Raub der Europa“ umgeschrieben.

Mitten im armenisch-aserbaidschanischen Krieg von 2020 erreichte mich eine E-Mail des Schweizer Schriftstellers Jonas Lüscher mit der Frage, womit ich in diesen furchtbaren Kriegs-tagen wohl beschäftigt sei. Ich schrieb ihm, dass es an vorderster Front an Schaufeln und Hacken zum Ausheben der Schützengräben mangele, und dass ich mich als Freiwillige für deren Beschaffung nützlich mache. Ich klappere die Baumärkte und Geschäfte in ganz Jerewan ab, ergattere hier ein Spatenblatt, ganz woanders Schaft und Griff, auf dem Reiterhof den Kopf einer Kreuzhaue, den Stiel dazu auf dem Markt im Stadtteil Massiv. Ich packe alles ins Auto, dann kommt Andrannik vom Verteidigungsministerium, lädt alles in seines um und schafft es fort in Richtung Krieg. Lange schaue ich dem Wagen hinterher.

Die sterblichen Überreste eines meiner Freunde, gerade zwanzig Jahre alt, waren schon von dort überführt worden – derart zerfetzt, dass sie nur per DNA-Analyse zugeordnet werden konnten. Der Sarg war zugelötet; das darüber gebreitete Fahnentuch vermochte die Wehklage nur mit Mühe in den Grenzbereich des Stolzes zu zwängen. Die Mutter taumelte vor Schmerz․

Ach, meine Möwe, meine Möwe․

Jonas versteht das nicht. Du bist Schriftstellerin, meint er, du darfst keine Werkzeuge kaufen, die für den Abgang unter die Erde bestimmt sind, das ist nicht rechtens. Jonas, diesen Soldaten habe ich gestern noch beigebracht, wie man Liebesgedichte schreibt, jetzt scharren sie mit Helmen und Gewehrkolben Mulden in den Boden. Vom Himmel herab rieselt Phosphor auf sie, sie haben keinerlei Deckung. Viele haben noch keine Liebe erlebt.

Ich kann mir schon denken, warum Jonas das nicht versteht. Ich begreife, wie er seine Erkenntnisschwelle übersprungen hat, so mühelos wie jene Grenzen, die abzuschaffen Europa sich nunmehr anschickt.

Unsere Welt ist dicht gedrängt – viele verwechseln deshalb leichtfertig, was denn da inmitten Europas liegt und was an seinen Rändern. Wir fragen uns selbst unablässig, wohin wir gehören. Jedoch fallen wir aus europäischer Sicht mit unserer Barbarei von dort heraus. Das ist ein Automatismus, wie es scheint.

Noch bevor uns Europa Europa nannte, und Wahram Europa eine nahe gute Welt, bin ich schon aus mir herausgegangen, aufgebrochen, um von Europa aus auf Armenien zu blicken. Von dort aus erschaute ich Armenien als nahe gute Welt. Und deswegen bezeichne ich unsere wechselseitigen Beziehungen als Nahe Gute Welt.

Wie denn das?

Und der Krieg?

Sind etwa nicht alle Rattenlöcher Europas von den blutverschmierten Schnauzen der Grauen Wölfe besetzt? Europa hat Werte, aber eben auch Graue Wölfe, die unter den Schößen seelisch gequälter Flüchtlinge in Deckung sind.

In Armenien melden sich mannigfaltige Stimmen, vom eingefleischten Nationalisten bis zum anthropozentrischen Pazifisten. Den Friedfertigen stehen die Nationalisten gegenüber, einander das Großturanische Programm der Türkei entgegenschleudernd, was dort übrigens gar nicht verheimlicht wird. Manche Verfechter dieser Absichten bis hin zum Präsidenten lassen sich seelenruhig darüber aus. Aber nein, sie bewerben ihre Pläne nicht etwa ruhig und besonnen – sie geifern dabei. Allerdings ist Armenien die Angel, das Scharnier dieser Tür, die für Turkvölker aufgestoßen werden soll. Ich nenne das so, ›Scharnier‹, aber eigentlich meinen die Menschen damit die Angst vor weiteren Runden des Völkermords, die sie bereits ansehen mussten: in Westarmenien (Osttürkei), sowie in Baku, Kirowabad, in Schuschi und an weiteren Orten. Und über YouTube wird gezeigt, wie in Aserbaidschan in einem Dorf nach dem anderen der Kopf des im Vier-Tage-Krieg 20161 enthaupteten Käram Sloyan herumgereicht wird. Freudig erregt holen sie den Kopf aus einer Zellophan-Tüte und präsentieren ihn den herbeigeeilten Männern und Kindern im Dorfe. Käram war Jeside, Soldat in der armenischen Armee – Schulter an Schulter mit armenischen Soldaten.

Soweit zu den Nationalisten.

Nun zu den Pazifisten.

Vor Tagen fanden in Armenien Parlamentswahlen statt. Eine Frau begab sich in ihre kleine Heimatstadt zum Wahlgang. Sie fuhr durch nordarmenische Dörfer. Direkt im Rücken eines kleinen Jesidendorfs hob sich ein flacher Hügel ab. Wenn vor uns jetzt Anhöhen wie diese auftauchen, erblicken wir darin nicht mehr Hügel als solche, sondern mögliche Stützpunkte, auf die es beide Konfliktseiten abgesehen haben. Ehedem war es eine unbedeutende Erhebung, verdorrt und oben steinig, mit verbranntem Gras an das Erdreich geduckt, eigentlich nichts weiter als ein höherer Erdhaufen. Die Frau stellte sich vor, dass der Hügel infolge irgendeiner neuen Grenzziehung dem Gegner zugeschlagen und Stacheldraht gezogen werde. Und dass er nicht mehr passierbar sei, obwohl an seinem Fuße gerade deine Wäsche zum Trocknen und Bleichen ausgebreitet liegt. Du wirst unerträglich traurig und von einer Enge erfüllt, gehörte doch der Hügel unteilbar zu dem Ausblick aus deinem Fenster. Aber jetzt bindet die Kuppe deinen Blick als unerreichbares Etwas. Dich befällt eine Sehnsucht, von der du vorher keinen blassen Schimmer hattest. In diese Trennlinie passt eine ganze erbarmungswürdige Welt hinein. Die Frau erfühlte die Wehmut der Ortsansässigen und das Gefühl der Enge, die in diesem Land aufgrund seiner geringen Ausmaße herrschen. Sie stellte sich vor, dass jetzt auf der anderen Seite des Hügels ein aserbaidschanisches Haus stehen könnte. Sie möchte die Stacheldrähte sofort entfernen, damit die Kinder beider Seiten auf den Hügel steigen und Eidechsen betrachten können, denn für Eidechsen ist das der allergeeignetste Platz. Dieses Fantasiebild war wirklich schön. Auch die Eidechse war schön. So sollte sich die Welt drehen – durch Neugier und Wissbegierde der Kinder, nicht durch den Anblick von Ohren, die einst als Kriegertrophäen um die Hälse ihrer Väter hingen.

Wir haben sie nicht gefunden, aber Europa hat sie erwirkt – die Regelwerke gemeinsamer Existenz an seinen Grenzen, wenngleich Geschehnisse innerhalb dieser Grenzen wiederholt Verwirrung stiften. Wie soll man Flüchtlinge auf geeignete Weise integrieren, eine Weise, mit der das Wort ›Problem‹ offen ausgesprochen werden kann, ohne Ängste zu schüren? Ein bewusst denkender Mensch ist tatsächlich in einem Dilemma: Ein bewusst denkender Mensch ist tatsächlich in einem Dilemma: Soll man die kulturellen Differenzen fördern, oder starre Gesetzesnormen über die Kulturen stülpen? Wie soll man außerhalb der Grenzen die Übernahme europäischer Werte schmackhaft machen, wenn überall, wie es scheint, die Lage der Dinge chaotisch ist? Wo Menschen weiterhin Kriege um zwischenstaatliche Grenzen führen … Europa vergreist inzwischen sichtlich.

Wie immer wittert die Türkei den Braten zuerst und springt eilfertig in die Bresche. Sie nimmt die Bürde auf sich, einem Großteil der Flüchtlinge Zuflucht zu gewähren, und krallt sich im Gegenzug das Zauberstäbchen, mit dem sich Kriege vom Zaun brechen lassen – an den Grenzen anderer. Sie brütet Terroristen unter wehenden roten Fahnen aus und fuchtelt mit dem todbringenden Haken des Halbmonds. Leid beschert sie damit auch ihrem eigenen Volk.

Weil der Welt demnächst, Europa weiß das, eine globale Erwärmung droht, in Afrikas Savannen unter dem Einfluss der Hitze zigtausend Tote zu befürchten sind, und deswegen Millionen Flüchtlinge nach Norden drängen werden: Deshalb wird die Dienstleistung der Türkei teurer und teurer, deshalb ist dieser Staat versucht, erneut sein Stäbchen – nicht nur hierfür – zu schwingen und einen von zwei seiner Nachbarn mit Hilfe des anderen auslöschen. Der Türkei gelüstet danach, das Scharnier zu entfernen. Egal, welchen Preis die Flüchtlinge zahlen und was aus ihnen wird. Die Türkei wird jenen Vertriebenen Obdach gewähren, die sie selbst hervorbringt. Ist das nicht eine geschlossene Kette?

Die Türkei hat der Welt schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts solche Spielregeln beschert.

Die Türkei weiß, wie man das macht.

Hier ist eines dieser Rezepte.

Der Völkermord an den Armeniern oder Das Große Yegherrn2 (türk. Ermeni Soykırımı, engl. Armenian Genocide):

Um das ganze Ausmaß dieser Verbrechen treffend zu kennzeichnen, hat der polnische Jurist Raphael Lemkin den Terminus ›Genozid‹ geprägt, der nachmalig auch auf die massenhafte Vernichtung der europäischen Juden, der Bosnier, der Tutsi in Ruanda Anwendung fand.

Zur Ausführung kam der Völkermord im Osmanischen Sultanat durch die regierende Jungtürkische Partei in den Jahren 1915 – 1923.

Die armenische Bevölkerung der Provinzen des Osmanischen Reichs, darunter ganz Westarmeniens, wurde deportiert, Tod und Verderben preisgegeben.

Von 2,5 Millionen Armeniern starben 1,5 Millionen eines gewaltsamen Todes oder durch Verhungern auf den Wegen der Vertreibung.

Die überlebenden ca. 800.000 Armenier wurden zu Vertriebenen, über die ganze Erde zerstreut.

Weitere 200.000 Armenier wurden zwangsislamisiert.

Aus 66 Städten und 2500 Dörfern stammende Armenier sowie Angehörige anderer christlicher Ethnien wurde ausgerottet.

Es wurden 2350 Kirchen und Klöster verwüstet und zerstört sowie 1500 Schulen und andere Lehreinrichtungen.

Auf osmanischen Banken liegende Guthaben und Werte wurden beschlagnahmt sowie sämtliche Immobilien und die bewegliche Habe.

Westarmenien wurde seiner angestammten armenischen Bevölkerung beraubt und verblieb in Gänze innerhalb der Grenzen der Türkei.

Vernichtet und fast gänzlich ausradiert wurde die Kultur Westarmeniens. Das gesamte aus Stein gebaute Erbe wurde niedergerissen, geschändet und in Ruinen verwandelt.

Die armenische Diaspora geht zum größten Teil auf die gewaltsame Vertreibung aus dem Osmanischen Reich zurück – auf Überlebende des Yehgerrn2 und deren Nachkommen. Sie ist über die ganze Welt verteilt.

Die Türkei stellt das als historiografischen Mythos dar.

Und weiß, wie man das macht. Sie weiß immer, wie.

Und also sind wir beim Mythos angekommen.

Als die schöne Europa in Versuchung geriet und sich auf des Stieres Rücken setzte, da konnte sie nicht absehen, dass eines Tages Louis Vuitton die Haut ebendieses Stieres abziehen wird, im allerdirektesten Wortsinn dieser Welt. Dass er Häutungsfabriken besitzen wird und moderne Messer zur Häutung. Dass die Tiere zum Zwecke der Häutung geboren werden. Und dass die Häutung Teil der Mode werden wird. (Als ein Vater tagelang kein Lebenszeichen von seinem Sohn hatte, immer und immer wieder das Mobilfunkgerät des Sohnes anrief, antwortete plötzlich ein Aserbaidschaner, der Sohn sei bei ihnen in Gefangenschaft sei und werde jetzt gleich gehäutet. Der Vater musste – jenseits des Fassbaren – die Schreie im Todeskampf mit anhören.) Das geschah heute, Europa!

Wenn die Erde derart unrühmlich missbraucht wird und deine Kraft solches hergibt, wirst du zu einem Land der Schlächter oder zur Häutungsfirma. Wo sich immer einer findet, der für deine Schuld herhalten muss, der sein Grün, seine Tiere, seine Leidgeprüften, seine wortlos Schwachen hinstreckt. Mehret Euch, Ihr Kühe, das Leben ist kurz!

Wenn eine Schriftstellerin in Armenien nicht vom Schriftstellern leben kann, dann macht sie ein kleines Gewerbe auf, stellt zwei ältere Frauen ein, von denen die eine unter Gedächtnisschwund leidet und niemandem sonst nütze ist, die andere längst fort wäre (in Richtung Russland oder Europa), wenn sie denn diese Arbeit nicht hätte. Sie lässt etwas in Armenien Ungesehenes und Ungehörtes herstellen: ein Accessoire der Weiblichkeit, dessen hauptsächlicher Werkstoff natürliches Leder ist. Das verursacht der Literatin Pein: Wie kann man auf natürliche gegerbte Haut verzichten und die Herstellung auf Kunstleder umstellen? Sie hatte Louis Vuittons Viehzüchtereien und Lederfabriken gesehen, ebenso die Hühner, die aufgrund der Haltung in engen Käfigen eine unbeschreibliche Körperform angenommen hatten, sodass man nicht weiß, wo der gerupfte Kopf mit den aufgerissenen wächsernen Augen hingehört. Das Leder kommt vorwiegend aus der Türkei; die Verfasserin hat auch von Paco Rabanne Leder gekauft. So behauptet sie es im Laden. Allen Lederhändlern sagt sie jedes Mal, das sei ihr letzter Einkauf. Aber an Kunstleder kommt nichts nach Armenien herein, was sie zu Waren verarbeiten könnte, um so die beiden Arbeitsplätze zu sichern. Das Kunstleder ist in der Kellerwerkstatt mit Laden nur für die Innenauskleidung von Autos vorgesehen und vorwiegend in Grau gehalten. Aber sie braucht grelles und goldfarbiges Material, grünes und blutrotes.

Blutrotes …

Ach, meine Möwe, meine Möwe!

Ich versuche weiterzuleben.

Dein Blut ist derweil unter dem vergilbten Kraut des Feldes versickert.

Opfer, überall Opfer.

Europa, wie retten wir den Stier vor dem Appetit, der Unersättlichkeit deiner reichen Söhne und deren reicher Geschäftspartner? Wie machen wir den Stier zum Zug- und Lasttier, um Werte hinaus- und hereinzuschaffen, damit arme, gebrannte Menschen in ihnen einen gangbaren Weg sehen … damit die durchtriebenen Spielernaturen verschwinden und der blutbringende Halbmond … die des Öles wegen Todeszonen und elendige Lager errichten, karg und wohlfeil, jedoch zum allerteuersten Preis … damit zweierlei Maß Anwendung findet, aber nicht zugunsten der Reichen, sondern der Armen, um sie aus dem gelben Sumpf zu ziehen … damit das Rindsleder durch Kunstleder ersetzt wird und in Armenien dennoch besagte Arbeitsplätze nicht wegfallen … damit Kinder Eidechsen betrachten können und deren Leben hegen – jedes aus seiner Welt heraus.

Europa, Zeus ist ein Gott, und Gott sei fürderhin ein Transportvehikel! Ein Paket voller Werte! Kann ein Phöniziermädchen davonziehen, Heilung suchend, sich selbst heilend, zu seiner Lebenstüchtigkeit finden, obwohl es selbst gezeichnet und geschlagen ist? Mädchen, Mutter, Tochter mein, nimm nicht länger Dinge hin, Dinge aus deiner Vergangenheit, die du der gegnerischen Seite abringen musstest! Dann füge ich Deinen Anstrengungen meinen Willen hinzu – den Ansporn einer Starken. Und ich mische Deinen Bemühungen mein Getöse und meine Stille bei – den Lärm und das Schweigen einer Schwachen.

[Bemerkungen des Übersetzers]
1 Der sog. Vier-Tage-Krieg 2016 fand Anfang April 2016 statt. Aserbaidschan überfiel Armenien an der Außengrenze der Provinz Tawusch, sowie gleichzeitig in Bergkarabach an ca. einem Dutzend Punkten entlang der Grenze. Dem Angriff war kein Erfolg beschieden.

2 եղեռն (Yeghérrn) ist wie ›Shoah‹ der entsprechende Eigenname für den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich.

Aus dem Armenischen von Stephan Heymann

Die Originalversion finden Sie hier.